Definition:

  

Persönliche Assistenz ist ein individuelles Hilfemodell, das auf der Kooperation des Unterstützenden (Assistenten) und des Hilfeempfängers (z.B.: Mensch mit einer Körperbehinderung) basiert und dient in erster Linie dem Zweck der Selbsterhaltung.

 

Die Entscheidung, was die eigene Lebensqualität und damit die Selbstbestimmung über den Verlauf seines Lebens und damit auch des ganz individuellen Tagesablaufes angeht, liegt ganz in der Hand des Assistenznehmers. De Loach (1983) beschrieb dies wie folgt: „Selbstbestimmt Leben heißt, Kontrolle über das eigene Leben zu haben, basierend auf der Wahlmöglichkeit zwischen akzeptablen Alternativen, die die Abhängigkeit von den Entscheidungen Anderer und bei der Bewältigung des Alltags minimieren. Das schließt das Recht ein, seine Angelegenheiten selbst regeln zu können, an dem öffentlichen Leben der Gemeinde teilzuhaben, verschiedene soziale Rollen wahrzunehmen und Entscheidungen fällen zu können, ohne dabei in die psychologische oder körperliche Abhängigkeit Anderer zu geraten. Unabhängigkeit ist ein relatives Konzept, das jeder für sich bestimmen muss.“

 

Geschichte der Persönlichen Assistenz:

 

Mitte der 70er Jahre begannen sich Menschen mit Behinderung aus ihrem stark von anderen beeinflussten und bestimmten Umfeld zu lösen und sich die Hilfen zu suchen, die es ihnen selbst mit sehr hohem Bedarf an personeller Unterstützung ermöglichte, selbst zu entscheiden, wie ihr Alltag aussehen soll. Konkrete Ausprägungen waren nicht nur im Bereich der Pflegeversorgung zu finden, sondern generell im Bestreben nach Akzeptanz und selbstverständlichem Umgang mit Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft. Die politischen Bestrebungen nach Selbstbestimmung und -verwirklichung gewannen immer mehr an Form und setzten sich weiter durch.

 

Der schwierige und steinige Weg ging für die Menschen mit Behinderung über in einen „Komfort“ an Selbstbestimmung und –verständnis, so dass heute zumindest nicht immer mehr für jede Kleinigkeit ein Kampf ausgetragen werden muss - so auch mit der Persönlichen Assistenz. Der Weg ging über die Individuelle Schwerstbehindertenbetreuung zunehmend zum sogenannten Arbeitgebermodell. Selbstbestimmung ist Konstruktionsprinzip des Assistenzgedankens (Gusti Steiner).

 

Ziele der Persönlichen Assistenz:

 

    • Aufbau eines würdevollen und selbstbestimmten Lebens
 
    • individuelle Unterstützung
 
    • Unabhängigkeit von Institutionen, ambulant vor stationär, Daheim statt Heim
 
    • Schaffung von Privat- und Intimsphäre
 
    • gleichgeschlechtliche Pflege (v.a. bei Intimpflege)

 

Rechtliches:

 

Für die Persönliche Assistenz müssen mehrere Anträge bei unterschiedlichen Kostenträgern parallel gestellt werden. Grund hierfür ist die Tatsache, dass die Assistenz für unterschiedliche Zwecke eingesetzt wird, für die verschiedene Kostenträger zuständig sind.

 

 

 

Ein wesentlicher Teil der Assistenzstunden wird über die Hilfe zur Pflege abgewickelt. Erster Ansprechpartner ist hierbei die Pflegeversicherung. Je nachdem, ob man die Assistenz über ein Arbeitgebermodell oder über einen ambulanten Dienst (ISB) organisieren möchte, leistet die Pflegeversicherung Pflegegeld oder Pflegesachleistungen. Voraussetzung ist aber, dass mindestens die Voraussetzungen der Pflegestufe I erfüllt sind. Bei einem höheren Assistenzbedarf reichen die Leistungen der Pflegeversicherung im Allgemeinen nicht aus und müssen durch Hilfe zur Pflege aus der Sozialhilfe ergänzt werden. Zuständig ist das örtliche Sozialamt. Allerdings wird die Sozialhilfe nur bei finanzieller Bedürftigkeit des Menschen mit Behinderung geleistet. Hierbei werden auch das Einkommen und das Vermögen von Partnerinnen und Partnern überprüft, mit denen er zusammenlebt. Demgegenüber werden Eltern eines volljährigen Menschen mit Behinderung seit einigen Jahren nur noch mit einem kleinen Kostenbeitrag an den monatlichen Assistenzkosten beteiligt.

 

 

Auch über die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung können Assistenzstunden finanziert werden, beispielsweise zur Durchführung eines Studiums oder zur selbstbestimmten Freizeitgestaltung. Ansprechpartner ist entweder der überörtliche Sozialhilfeträger oder das Sozialamt vor Ort, da auch die Eingliederungshilfe zum Leistungsspektrum der Sozialhilfe gehört.

 

 

Übt der Mensch mit Behinderung einen Beruf aus und benötigt er eine Assistenz am Arbeitsplatz, kann er beim Integrationsamt die Kostenübernahme für eine Arbeitsassistenz beantragen.

 

 

Seit Anfang 2008 können Leistungen zur Persönlichen Assistenz auch als Persönliches Budget beantragt werden. Dabei bekommt der Mensch mit Behinderung die bewilligten Gelder aus einer Hand auf sein Konto überwiesen und kauft die Assistenzstunden selbst und eigenverantwortlich ein. Obwohl das Persönliche Budget für den Menschen mit Behinderung durchaus mit einigen Risiken verbunden ist, bietet es dennoch neue Möglichkeiten einer deutlich selbstbestimmteren Lebensführung.

 

Arbeitgebermodell:

 

Bei der Durchführung der Assistenz im sogenannten Arbeitgebermodell werden der Hilfeempfänger zum Arbeitgeber und der Assistent zum Arbeitnehmer, jeweils mit den einhergehenden Rechten und Pflichten. Nicht nur begrifflich als Ausdruck seiner Kompetenzen, sondern auch in tatsächlicher Hinsicht. Der Mensch mit Behinderung wird zum Arbeitgeber und ist als Entscheidungsträger verantwortlich für den „Betrieb in eigenem Haushalt“.  Es wird mit dem Arbeitgebermodell ein Größtmaß an eigenverantwortlicher Lebensgestaltung erreicht, mit der unsere Lebensqualität auf einen menschenwürdigen Standard gesetzt wird.

 

Die Handhabung im Arbeitgebermodell liegt vollständig in der eigenen Verantwortung des Assistenznehmers. Dies bedeutet, dass der Assistenznehmer alle Aufgaben, die im Zusammenhang mit seiner Assistenz stehen, übernimmt und dafür haftet.

 

Das zugrundeliegende abhängige Arbeitsverhältnis bestimmt die Aufgaben des Assistenznehmers.

 

Dies wären beispielsweise:

 

    • die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers für den Arbeitnehmer,
    • die gesamte Lohnabrechnung der eingestellten Persönlichen Assistenzkräfte,
    • die Erstellung und Koordination des Dienstplanes,
    • die Organisation von Krankheits- und Urlaubsvertretung und
    • die Einarbeitung der neuen Assistenzen (u.a. Pflege, Verhaltensregeln).
 

 

Der Assistenznehmer sucht sich die Assistenzkräfte, die in der Regel Laienkräfte sind, auf dem freien Arbeitsmarkt und arbeitet sie in ihr individuelles Tätigkeitsfeld ein. Der Mensch mit Behinderung ist damit in der Lage, selber darüber zu bestimmen, wo, wann, wie und durch wen die notwendigen Hilfen erbracht werden.


Verschiedene Kompetenzen und was sie beinhalten:

 

Personalkompetenz: Assistenten selbst auswählen und auch ablehnen zu können – und nicht das Personal des Pflegedienstes oder der Einrichtung akzeptieren zu müssen, sondern auch die Wahl zu haben, eine männliche oder weibliche Pflegekraft einzusetzen.

 

Organisationskompetenz: Einsätze und Zeiten der Hilfe planen zu können; bestimmen zu können, wann welche Hilfen von wem geleistet werden soll – und nicht von dem Einsatzplan des Pflegedienstes oder dem Dienstplan des Heimes im Alltag abhängig zu sein.

 

Anleitungs- bzw. Weisungskompetenz: Über Form, Art, Umfang und Ablauf der Hilfen im Einzelnen bestimmen zu können – und nicht durch die sogenannte Fachkompetenz der Pflegekräfte entmündigt zu werden.

 

Raumkompetenz: Den Ort der Leistungserbringung festlegen zu können – und die Hilfe nicht nur innerhalb der Wohnung zu erhalten.

 

Finanzkompetenz: Die Bezahlung der Hilfen kontrollieren; selbst über den Einsatz und die Verwendung der Mittel entscheiden  – und die korrekte Leistungserbringung auch überprüfen zu können.

 

Differenzierungskompetenz: Die Hilfen nach eigener Entscheidung von

 

verschiedenen Personen oder Anbietern oder aus einer Hand abfordern zu können – und nicht von den Leistungsdefinitionen in Kostensatzvereinbarungen der Anbieter abhängig zu sein.

 

Schlagworte, die im Zusammenhang mit dem Prinzip der Persönlichen Assistenz verbunden werden, sind

 

 

Hilfen aus einer Hand: Der Persönliche Assistent, dem der Dienst zugeteilt wurde, ist für alle Hilfen zuständig

 

Kontinuität: Es wird eine dauerhafte Zusammenarbeit von Assistenznehmern und Assistenten angestrebt.

 

Anwesenheit: Die Assistenten verbringen je nach individuellem Bedarf möglichst viel Zeit mit dem Assistenznehmer.

 

ausreichender Umfang: Die Anzahl der Assistenzstunden muss so veranschlagt werden, dass es auch einem Menschen mit sehr hohem Assistenzbedarf möglich ist, seinen persönlichen Zielen und Neigungen nachzugehen.

 

Besonderheit des Arbeitgebermodells ist, dass keine Institution zwischen der Person des Assistenznehmers und des Assistenzgebers steht, wie es bei der Organisation der Persönlichen Assistenz über das Deutsche Rote Kreuz oder den Arbeiter-Samariterbund (Individuelle Schwerstbehindertenbetreuung), die im Kölner Raum beide jeweils Assistenzdienste anbieten, der Fall wäre.

 

Die Beantragung und die Rechenschaft erfolgt selbständig gegenüber den jeweiligen Kostenträgern.

 

Individuelle Schwerstbehindertenbetreuung (ISB) / Behindertenassistenz:

 

Arbeitgeber ist hier eine Institution wie beispielsweise das DRK oder der ASB, die dem Assistenznehmer und –geber zwischengeschaltet ist. Die Persönliche Assistenz wird u.a. durch Zivildienstleistende und jungen Menschen im freiwilligen sozialen Jahr gewährleistet. Im Rahmen der Behindertenassistenz hat der Kunde dieser Institution mehr Mitspracherechte in den Bereichen der Personal- und Anleitungskompetenzen als bei der Individuellen Schwerstbehindertenbetreuung. Auch haben die Kunden die Möglichkeit, sich selber ihre Persönlichen Assistenten über Anzeigen beispielsweise zu suchen und greifen nicht auf das Pflegepersonal der Institution zurück.

 
Andere Hilfeleistungen sind in der Regel von Fremdbestimmung, aber auch strukturellen Zwängen, wie Einhaltung von Dienstplänen, knappen Personalschlüsseln in Einrichtungen usw. geprägt. Den Alltag eigenverantwortlich und selbstbestimmt zu gestalten, ist dabei nur sehr eingeschränkt bis gar nicht möglich, die Lebensqualität dem entsprechend reduziert.